
Malerei als philanthropisches Instrumentarium
Anne Simone Kiesiel
Wie der bulgarisch-österreichische Künstler Krassmir Kolev die Geschichte der Portraitmalerei in neue Bahnen lenkt
Würde man Krassimir Kolev als Portrait-Maler bezeichnen, so würde dies der außerordentliche Vielfalt seines künstlerischen Schaffens nicht gerecht werden. Denn der Künstler beschäftigte sich während seines Studiums an der Akademie der Bildenden Künste in Wien zunächst mit Bildhauerei und schließlich in der Meisterklasse von Michelangelo Pistolleto vor allem mit konzeptueller Kunst und multimedialen Installationen. Erst Jahre nach dem Studium setzt er alles auf Null, besann sich erneut auf die Malerei, die ihn schon vor dem Studium beschäftigt hatte, und schuf innerhalb kurzer Zeit ein umfangreiches malerisches Œuvre. Der naturalistischen Figuration verhaftete Landschaften finden sich in diesem genauso wieder wie abstrakte Malereien, Arbeiten auf Leinwand sind ebenso vertreten wie solche auf Papier und – großformatig – auf Häuserfassaden. Im Zentrum von Krassimir Kolevs künstlerischem Schaffen steht, bei aller vordergründigen Heterogenität des Ausdrucks und egal in welchem Medium, immer der Mensch: Teils anwesend in Form realistischer Figuration, mal in den Landschaftsbildern gerade in seiner Abwesenheit äußerst präsent. Den Künstler aufgrund dessen als einen Philanthrop zu bezeichnen wäre, zugegebenermaßen, zu weit hergeholt – wenn es da nicht die jüngste Serie von Portraits gäbe, mit denen Krassimir Kolev in Österreich aktuell für große Aufmerksamkeit sorgt. Weniger für sich allerdings, das stünde dem zurückhaltenden Charakter des Künstlers fern, als vielmehr für die Protagonistinnen und Protagonisten der ungewöhnlichen Werkreihe.
Ihre Vitalität ist ansteckend, ihre Freude mitreißend
Deren Vitalität ist ansteckend, ihre Freude mitreißend – in 12 Portraits begegnen sie uns mit einer Offenheit und Direktheit, die in Staunen versetzt und sich radikal von der täglichen Bilderflut selbstinszenierter Instagram-Ästhetik abhebt. Vor teils poppig bunten Hintergründen setzt Krassimir Kolev die Protagonistinnen und Protagonisten seiner Bilder mit Feingefühl und großer Sorgfalt in Szene. Mit seinen durchdachten Kompositionen verleiht er ihnen eine Präsenz, die über die reine Abbildfunktion hinausgeht. Locker gesetzte Pinselstriche untermalen die Dynamik der Portraitierten, erzählerische Bildelemente greifen ihre Lebensgeschichte auf. Was alle Bilder vereint ist, dass es sich bei den Abgebildeten durchweg um Menschen mit Down-Syndrom handelt. Und: Sie alle stehen mitten im Leben, haben einen festen Arbeitsplatz und teilweise eine feste Beziehung. Das Glück, welches sie darüber empfinden, ist den Bildern eingeschrieben. Im ersten Moment mag es fast kitschig erscheinen, wenn Cathy vor dem Ornament eines Tapeten-Rapports in dreifacher Ansicht ihrer Tätigkeit als Zimmermädchen in einem Hotel nachgeht oder der Bildhintergrund im DoppelPortrait von Eva und Patrick mit Herzen überzogen ist. Und doch sind gerade diese Bilder in ihrer Authentizität unerschütterlich. Jenseits des üblichen kategorialen Kanons schreiben sie die Kunstgeschichte weiter. Denn die Schlagkraft der jeweils 120 x 100 cm messenden Malereien auf Leinwand liegt darin begründet, dass sie die wohl ersten künstlerischen Portraits von Menschen mit Trisomie 21 sind – und das rund 150 Jahre nach der erstmaligen Beschreibung dieser genetischen Besonderheit.
Die Kunstgeschichte schweigt sich hinsichtlich der Darstellung von kognitiv oder physisch beeinträchtigten Menschen weitgehend aus
Krassmir Kolev betreibt mit seinen Bildern kunsthistorische Pionierarbeit im Bereich der Portraitmalerei, es gibt keine Vergleichsabbildungen. Die Kunstgeschichte schweigt sich hinsichtlich der Darstellung von kognitiv oder physisch beeinträchtigten Menschen weitgehend aus. Eine Ausnahme bildet die spanische Malerei des 17. Jahrhunderts, in der sich Ansätze finden. Diego Velazquez (1599-1660) schuf Bildnisse von kleinwüchsigen Mitgliedern des königlichen Hofes sowie von körperlich beeinträchtigten Personen, denen die Funktion als sogenannte “Hofnarren” zukam. Das seelische Leid dieser Menschen ist ihren Portraits inhärent, die Schwermütigkeit der Bilder bis heute frappierend. Abgesehen davon wurden Menschen mit Behinderung bislang kaum als “bildwürdig” angesehen, ihre Existenz stellt offensichtlich eine kunsthistorische Leerstelle dar. Dies ist insofern absurd, als ihr künstlerischer Ausdruck wiederum Strömungen wie die Gruppe “Der blaue Reiter” maßgeblich beeinflusste. Mit dem französischen Künstler Jean Dubuffet (1901-1985) erhält die Malerei von Menschen mit geistiger Behinderung gar eine eigene Bezeichnung, fortan spricht man von “Art Brut” und meint damit Kunst in ihrem unmittelbaren, unverfälschten Zustand. Während also zumindest der künstlerische Ausdruck beeinträchtiger Menschen eine Wertschätzung erhält bleiben sie selbst weiterhin weitgehend unsichtbar. Dass der Terminus Art Brutauch die Kunst von Menschen, die geistig erkrankt sind und diejenige von Kindern meint, stellt eine zusätzliche Problematik dar. Sichtbarkeit von behinderten Personen generiert im großen Stil (es handelt sich um Skulpturen mit einer Höhen von 3,5 Metern) erst der britische Künstler Marc Quinn. Im Jahr 1999/2000 fertigt er Marmorstatuen der Künstlerin Alison Lapper, die von Geburt an den Gliedmaßen beeinträchtigt ist. Einmal im achten Monat schwanger und einmal gemeinsam mit ihrem neugeborenen Sohn thematisiert er dabei die Frage nach dem selbstbestimmten und gleichberechtigten Leben aller Menschen. Dass die Portraitmalerei sich erst wesentlich später mit Nachdruck dafür einsetzt, eine vergleichbare Sichtbarkeit zu erzeugen, mag nicht zuletzt daran liegen, dass die Figur nach 1945 phasenweise aus der Kunst verschwand und insbesondere das Portrait eine kunsthistorische Flaute erlebte. Über kaum eine andere Gattung wurde in den letzten 50 Jahren derartig wenig geschrieben, die wissenschaftliche Nichtbeachtung geht einher mit einer künstlerischen Brache.
Die Idee zum Projekt AKTIV INKLUSIV enstand, passenderweise, aus einer Portraitsitzung heraus
Neuerdings jedoch erlebt das Portrait eine neue Blüte und erfährt durch Projekte wie AKTIV INKLUSIV eine Neuinterpretation. Entstanden sind Krassimir Kolevs Darstellungen von Menschen mit Down-Syndrom, passenderweise, aus einer Portraitsitzung heraus. Nicole Steinacher, Unternehmerin und Schwester eines Bruders mit Down-Syndrom, saß dem Künstler Portrait. Aus den Gesprächen während der Sitzungen, die üblicherweise dem Zweck dienen, das Wesen der abzubildenden Person zu erschließen, entstand die Idee eines kooperativen Ausstellungs- und Buchprojektes. Im Juni 2024 wurde AKTIV INKLUSIV im Landhausschiff des Landtages in St. Pölten unter großem medialen Interesse und mit vielfacher Unterstützung von Politik und Wirtschaft eröffnet, seither befinden sich die Gemälde auf Ausstellungs-Tournee. Flankiert werden sie im gleichnamigen Buch zur Ausstellung wie in der Ausstellungssituation von Schwarz-Weiß-Fotografien der 15 Protagonist*innen und von Texten, in welchen diese von ihrem beruflichen Alltag, ihren Liebesbeziehungen und ihren Lebensentwürfen erzählen. Die Fotografien fertigte Krassimir Kolev ebenfalls selbst an, sie lieferten ihm, neben den Sitzungen mit den Modellen, Grundbausteine der Kompositionen. Auffallend ist dabei, dass vielfach mehrere Ansichten einer Person in einem Gemälde vereint sind. Die so entstehende Multiperspektivität wird, so Kolev, dem sprudelnden, offenen Charakter von Lena, Jakob, Gerhard und den anderen Modellen gerechter, als eine eindimensionale Ansicht. Damit sprengt er die tradierten Bildkompositionen der Portraitmalerei, wie insbesondere in der dreimonatigen Ausstellungssituation der Bilder im Museum Stift Melk (Juni 2024 bis August 2024) offensichtlich wurde. Zwischen historischen Portraits von Würdenträgern platziert, wurde der zeitgenössische Blick auf den Menschen hervorgehoben.
Jeder Person begegnet der Künstler dabei mit der gleichen kompromisslosen Unvoreingenommenheit, Wiederholungen kommen für ihn sowohl inhaltlich, als auch künstlerisch, nicht in Frage
Statt repräsentativer Steifheit und regungsloser Pose setzt Krassimir Kolev auf dynamische Bildmomente. Gleichzeitig bricht er mit dem Realismus der Abbildung insofern, als seine Bildräume eigene und eigenwillige Gesetzmäßigkeit aufweisen. Die perspektivische Darstellung gibt er zugunsten eines Raumes auf, der abstrakte Elemente und Fragmente von Schrift zu einem Gefüge verschmilzt, dessen Räumlichkeit fluide wird. Vorne und hinten ist nicht immer klar voneinander abzugrenzen, durch die Uneindeutigkeit rücken die Figuren näher an die Bildoberfläche und damit an uns heran. Die Unbestimmtheit des Raumes erzeugt entsprechend Nähe zum Bildmotiv. Gleichzeitig stellen die Bildhintergrüde den Versuch einer weitergehenden Beschreibung der jeweiligen Person dar. Ähnlich einer leeren Theaterbühne, die sich durch die Erzählung der Darstellenden mit Erzählsträngen füllt, erstellt Krassimir Kolev für jede von ihnen einen spezifischen Bildhintergrund, der sich aus dem jeweiligen Charakter heraus generiert. Jeder Person begegnet der Künstler dabei mit der gleichen kompromisslosen Unvoreingenommenheit, Wiederholungen kommen für ihn sowohl inhaltlich, als auch künstlerisch, nicht in Frage.
“Ich will mich nicht auf eine Routine stützen, sondern jedes Mal von Null beginnen“
“Ich male seit so vielen Jahren und habe doch eigentlich keine Ahnung wie das funktioniert. Ich versuche immer neu zu fühlen, immer neu zu spüren, um mit jedem Bild wieder den frischen Blick, die „jungfräuliche“ Beziehung zu schaffen. Ich will mich nicht auf eine Routine stützen, sondern jedes Mal von Null beginnen“, so beschreibt Krassmir Kolev seine künstlerische Arbeitsweise. Aus diesem Ansatz heraus erklärt sich die Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten, derer er sich von Beginn seiner Laufbahn an bediente. Gerade die Vielfalt ermöglicht es ihm, Themen zu umkreisen und sie für sich allumfassend zu erschließen. Die Arbeit in Serien von jeweils 20 bis 30 Werken hat sich für ihn dabei als der Weg zu einer tieferen Erkenntnis herauskristallisiert. Über einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren hinweg stellt das das jeweilige Thema dabei eine künstlerisch-wissenschaftliche Reise dar. „Jedes Bild ist ein Schritt auf dieser Reise“ erklärt Kolev. In „Secrets oft he Rocks“ (2023-2024) führt diese Reise über die Landschaft der schwedischen Westküste. In abstrakter Form lenkt der Künstler den Fokus auf die Interaktion der drei Grundfarben blau, gelb und rot, die dort in Form des Meeres, des Himmels und des roten Gesteins begegnen. In seinen Bildern führt „ihre Interaktion zur Entstehung neuer, faszinierender Farbtöne, die eine Parallele zu zwischenmenschlichen Verbindungen darstellen und eine neue, harmonische Einheit schaffen“. Humanismus begegnet entsprechend auch in den abstrakten Bildern, die Landschaften sind weniger an die Natur angelehnte Landschaften als vielmehr Seelenlandschaften. In der Serie „Soulscapes“(2020-2021) kommt dieser Aspekt am deutlichsten zum Tragen. Auf Analogien zu einem Außen verzichtet der Künstler hier ganz zugunsten des Fokus auf das eigene Innere, die jeweilige Gefühlsstimmung wird unmittelbar auf die Leinwand übertragen. Verborgenes wird entsprechend sichtbar, der Künstler teilt mit uns Bilder, die sonst allein ihm gegenwärtig wären. Die Abbildung von Stimmungen und emotionalen Zuständen ist insgesamt ein wichtiger Aspekt im Werk von Krassmir Kolev. In der Serie der „Secrets of the Woods“(2022-2023) manifestiert sie sich in der Darstellung poetischer Momente der Begegnung des Menschen mit der Natur. Die „Silent City“ Serie (2020) wiederum widmet sich der mehr melancholischen denn poetischen Betrachtung der urbanen Landschaft als des überwiegenden Habitats des modernen Menschen.
In seinen Serien gewinnt Krassimir Kolev der menschlichen Existenz immer wieder neue Aspekte ab
“Wir existieren in einem Raum, wir existieren nicht im Nichts. Deshalb ist es mir wichtig, dass ich diesen Raum in meinen Bildern einbette”, begründet Krassmir Kolev die Wahl seiner Sujets und die damit einhergehende divergierende Räumlichkeit. In seinen Serien gewinnt er dieser Existenz immer wieder neue Aspekte ab. In keiner Serie jedoch wird sein Interesse am Menschen derart offensichtlich wie in den Portraits der Reihe AKTIV INKLUSIV. Die Malereien knüpfen an das Potential der Kunst an, einen Dialog mit den Betrachterinnen und Betrachtern herzustellen, der in seiner Intensität nicht zu unterschätzen ist und begründet, warum es so wichtig ist, dass die Portraits gemalt wurden. Bis heute vermittelt das Medium der Malerei Relevanz, Eindringlichkeit und Wertigkeit. In Reminiszenz auf historische Portraits und begleitet von dem Wissen um den zeitlichen Aufwand, der ihre Herstellung begleitet, ist ihr Ausdruck bis heute ein anderer und mit ihm auch der Eindruck, den sie auf uns machen. Der Dialog mit ihnen ist insofern von Eindrücklichkeit gekennzeichnet, die explizit der Kunst innewohnt. Denn die Kunsterfahrung ist immer auch “eine vorbegriffliche; in Bildern zu denken heißt nicht zuletzt sich auf Unbestimmtes einzulassen. […] Sie erschließen Projektions- und Echoräume und nicht selten soll es vorkommen, dass Menschen sich just von jener Kunst besonders berührt fühlen, in der sie etwas zu erkennen meinen, dass ihnen mangelt oder nachdem sie sich sehnen“so der Kunstkritiker Hanno Rauterberg. Und der Philosoph Martin Seel konstatiert dass Kunstwerke für uns gerade deswegen von Interesse seien, „weil die Begegnung mit ihnen unser Selbstverhältnis erweitert, in gewisser Weise sogar bricht. Sie versetzen uns in ein besonderes Verhältnis zu unserem Welt- und Selbstverhältnis“.
Die Malerei Krassimir Kolevs im Allgemeinen und seine Portraits von Menschen mit Down-Syndrom für das Projekt AKTIV INKLUSIV im Besonderen bergen entsprechend ein gesellschaftspolitisches Potential, dessen Wirkmacht man sich kaum entziehen kann. Vom 14.02.2025 bis zum 23.02.2025 lässt sich in der Galerie im Drauknie in Sachsenburg, Kärnten, selbst ein Bild machen, weitere Stationen sind geplant und werden über die Website des Projektes bekannt gegeben. Danach werden die Portraits in den Besitz der jeweils auf ihnen Abgebildeten übergehen. Offen bleibt die Frage, welchem Thema sich der malende Philanthrop Krassmir Kolev in Zukunft widmen wird. Wir dürfen gespannt sein.
Atelier Krassimir Kolev, Schmiedgasse 4-6, 3100 St. Pölten, Österreich, E-Mail: krassimir@kolev.se, Tel: +43 650 7707 383
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