
LANDSCAPES & SOULSCAPES
visualisierte Emotionen
Elisabeth Th. Winkler
SILENT CITY
März 2020. Der erste Lockdown in Österreich während der Corona - Pandemie zwingt die Menschen in ihren Räumen zu bleiben. Die Straßen der Städte sind leer, die Geschäfte und Lokale geschlossen, alles Leben steht still, scheint verbannt zu sein.
In dieser Zeit geht Krassimir Kolev durch St. Pölten und hält die in der Stadt herrschende Atmosphäre mit seiner Kamera fest. Fotos und
Skizzen werden vor Ort angefertigt. Zurück im Atelier wählt er jene Vorlagen aus, die tatsächlich auf die Leinwand kommen. Die entstandenen Gemälde zeigen verlassene Straßen und Plätze, menschenleere öffentliche Gärten und Alleen, die einsam in die Weite führen. Keine Menschen, Fahrzeuge, Tiere oder Blumen sind auszumachen, die Lebendigkeit oder Bewegung suggerieren würden. Die Protagonisten sind Gebäude, Denkmäler, Straßenbeleuchtungen, Mistkübel und Verkehrsschilder. Die nass in nass aufgetragenen Farben lassen die Konturen verschwimmen und erzeugen eine Auflösung der Formen und architektonischen Strukturen, sodass die Gemälde in ihrer Unschärfe wie Traumsequenzen erscheinen (Silent City# 1-11).
Es geht hier nicht um eine abbildhaftgetreue Wiedergabe des Gesehenen, sondern um die Vermittlung der Stimmung der unheimlich, fast geisterhaft erscheinenden Stadtlandschaft, gefiltert durch die Wahrnehmung des Künstlers. „Mein emotionaler Ausdruck der Leere“ wie Krassimir Kolev es in eigene Worte fasst. Der Einblick in eine bewegungslose Stadt zeigt sich sonst nur am frühen Morgen, bevor das bunte Treiben beginnt; doch in den Bildern von Silent Cityschwingt unterschwellig das Wissen mit, dass sich das Leben zu keiner Tageszeit mehr einfinden wird. Und dennoch kommt eine verborgene Schönheit zum Vorschein, die sich im Purismus der stillen Architekturkulisse findet. Mit der Vermittlung der Ruhe und Stille eines Ortes hat sich Krassimir Kolev bereits in seinem Bilderzyklus Silent Placebeschäftigt, als er den Park von Stift Melk während aller vier Jahreszeiten festgehalten hat.1Auch hier sind menschenlose Ausschnitte der Parkanlage zu sehen wie einsame Wege, leere Bänke und Teile der Gartenarchitektur. Im Mittelpunkt der Betrachtung steht aber vor allem die üppige Pracht der Natur wie zum Beispiel im Gemälde Sommermorgen, 2018. Ganz bewusst hat Kolev in diesen Bildern die Menschen weggelassen, um das Erlebnis des Veränderungsprozesses der Natur durch Licht- und Farbwechsel im Wandel der Jahreszeiten zu intensivieren. Sein Fokus richtet sich nicht auf die Darstellung eines verlassenen Ortes, sondern auf die Wahrnehmung des universellen Kreislaufs der Natur, in den der Mensch eingebunden ist und der alleine in der Stille noch stärker erfahrbar ist. Die Intention des Künstlers liegt hier in der Wiedergabe des Ortes als einen Platz der Kontemplation. Im Gegensatz dazu zeigt die Serie Silent Cityden vom Menschen geschaffenen urbanen Raum, aus dem er selbst aufgrund des Zeitgeschehens weitgehend ausgeschlossen wird. Es herrscht ein spürbarer Unterschied in der Gesamtatmosphäre der beiden Bildzyklen, die Kolev vorwiegend durch die Wahl der Bildausschnitte, Farbkomposition und Lichtstimmung evoziert.
In den Bildern der neuesten SerieSilent City 2.0,die Krassimir Kolev ein Jahr nach dem ersten Lockdown begonnen hat, geht er in der Reduktion der Darstellung noch einen Schritt weiter. Die Szenerie ist wieder die Stadt St. Pölten, mittlerweile sind auch Passanten darin zu sehen. Die Bilder sind nun alle in schwarz-weiß gehalten, die Menschen sind maskiert unterwegs und wirken wie Schatten ihrer selbst, die durch die Straßen huschen. Die Farben werden negiert, weil sie weder durch die Personen noch durch die Umgebung eine emotionale Entsprechung haben. Die Menschen sind zwar da, aber ihre Gesichter und Mimik nicht erkennbar. Die Stimmung wirkt bedrückend. Der Ausnahmezustand ist immer noch spürbar, die Rückkehr zur Normalität noch nicht absehbar. Krassimir Kolev erschafft auch diesmal ein sensibles, nuanciertes Zeitdokument (Silent Sity 2.0# 1-5).
SOULSCAPES
In den Gemälden der Serie Soulscapes, die ab Herbst 2020 entstanden ist, lässt sich Krassimir Kolev auf seine eigenen Seelenlandschaften ein. Es geht nicht mehr um das Außen sondern einzig um die Wahrnehmung seines Inneren – die direkt aus seiner Gefühlsstimmung heraus geborene Übertragung auf die Leinwand. Die emotionalen, empfindsamen Bilder sind vor allem in den kleineren Arbeiten wie Landschaften angelegt (Soulscape# 1-16). Die farbig sehr aufgeladene expressive Malweise spiegelt die gegenwärtige Befindlichkeit des Malers wider. Fließendes und Verschwommenes zeigen die geistige Bewegung, die Vielzahl an Momenten, die während des Malaktes auftauchen und wieder überlagert werden. Krassimir Kolev nimmt dabei des Öfteren seine linke Hand zum Malen, um dem Unkontrollierten freien Lauf zu lassen. Er dreht die Leinwand auch während des Entstehungsprozesses, sodass im Unterschied zur Serie Silent City keine durchdachte Komposition im Vordergrund steht, sondern die Idee der „Gefühlsabstraktion“. Aufgeregten oder beruhigten Zuständen werden durch die Farbwahl, ihrem pastosen oder verdünnten Auftrag und durch die Dynamik des Pinselstrichs Ausdruck verliehen. Manchmal tauchen Schriftkürzel nicht lesbarer Gedankensplitter und emotionaler Chiffren als écriture automatiqueauf. In den großformatigen Bildern lässt er die Farben die Leinwand herunterfließen und sein Malgestus wird großzügiger, weiter, luftiger und befreiter. Sie sind dominiert von rhythmischen Impulsen, einem Vibrieren, das an den Herzschlag des Künstlers gemahnt und unmittelbar, seismografisch seine Empfindungen aufzeichnet. Durch den intuitiven Malprozess entsteht eine größere Abstraktion, die ins Formlose geht. Für Krassimir Kolev beschreibt dieser Gemäldezyklus „visuell den emotionalen Zustand seiner Seele“ (Soulscape# 17-25).
Es ist eine sukzessive Suche, eine Entdeckungsreise anders und mehr sehen zu wollen, auf die sich der Künstler Zeit seines Schaffens einlässt. Mit der Einbindung einer „abstrakten Gefühlsebene“ experimentiert Kolev bereits in vorherigen Portraits sowie im Bildzyklus Thought Worldsvon 2017. Hier wie dort werden naturalistisch dargestellte Personen von gegenstandslosen, gestischen Farbformen umgeben, überlagert oder scheinen wie Explosionen aus ihnen herauszuströmen. Die angedeuteten „Gefühlselemente und Gedankenchiffren“ umschweben die Figuren gleich einer Aura und bereichern sie um eine visualisierte Introspektion wie es zum Beispiel im Gemälde DerKuss von 2018 zu sehen ist. Diese „Formgedanken“ verselbständigen sich zusehends und werden in der Kleinbildserie Soul Memories von 2017, die vorbereitend zum Zyklus Soulscapesinterpretiert werden kann, zum eigentlichen Sujet. Richtungsweisend für Krassimir Kolevs künstlerische Weiterentwicklung war der Moment, als er einem spontanen Impuls folgend, seit Jahren fertige, klassisch gemalte Portraits in zwei Hälften zerschneidet. Dieser Akt der Befreiung, die bildhauerische Intervention von der zweidimensionalen Fläche in den dreidimensionalen Raum, eröffnet Kolev neue Perspektiven. Er verbindet die beiden Bildhälften wieder durch monochrome oder gemusterte Flächen, wie um unter die Haut - ins Verborgene der abgebildeten Personen - Einblick zu geben;3oder er vertauscht Teile verschiedener Bilder, setzt sie neu zusammen und erzeugt dadurch surreale Körperlandschaften wie zum Beispiel im Gemälde Das Leben. Die Entfremdung der Realität führt zu einer expandierten Perzeption und zum Versuch der Darstellung des Nichtsichtbaren.
Krassimir Kolev ist ein vielseitiger Künstler, der als Maler, Bildhauer und Fotograf tätig ist. Er ist ein sehr genauer, emphatischer Beobachter seiner Umwelt, besitzt ein ausgeprägtes plastisches Darstellungsvermögen und Raumgefühl. Der thematische Schwerpunkt seines Œuvres liegt im Portrait und der Landschaft. Wie er selbst sagt, sucht er „immer die Präsenz oder Absenz des Menschen in seinen Arbeiten“. Dabei bleibt er offen für das Experimentieren mit anderen Sicht- und Ausdrucksweisen. Im letzten Jahr hat er wiederum neue künstlerische Wege eingeschlagen und überdies ein
gesellschaftliches Zeitdokument geschaffen. Krassimir Kolev geht in den Bildserien von Silent City und Soulscapes -wie in einer Meditation - von den äußeren Eindrücken in die innere Wahrnehmung, von den Geräuschen im Außen zur inneren Stimme.
Atelier Krassimir Kolev, Schmiedgasse 4-6, 3100 St. Pölten, Österreich, E-Mail: krassimir@kolev.se, Tel: +43 650 7707 383
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